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Literatur

Die ältesten überlieferten Zeugnisse der japanischen Literatur stammen – bedingt durch die späte Einführung der chinesischen Schrift – aus dem 8. Jahrhundert. Im Gegensatz zu Europa nahm für lange Zeit die Lyrik den höchsten Stellenwert ein, und noch bis heute wird die Verskunst in weiten Kreisen in fast allen historischen Ausprägungen aktiv gepflegt (z. B. kanshi, waka, haiku). D. h. ganz analog zur Welt der Aufführenden Künste kamen hier neue Entwicklungen, die den jeweiligen Zeitgeist widerspiegelten, zwar hinzu, lösten ältere Formen jedoch nicht vollständig ab. Bereits in der höfischen Epoche der Heian-Zeit (794–1185) bildeten sich die zentralen Prosa-Gattungen – Roman (z. B. Genji monogatari), Tagebuch (z. B. Sarashina nikki) und Miszellenliteratur (z. B. Makura no sōshi) – heraus. Diese Klassiker wurden sämtlich von Hofdamen in japanischer Sprache (kana-Silbenschrift) verfasst, denn mit Ausnahme der waka-Dichtung, ebenfalls eine Domäne des Japanischen, bedienten sich Männer zur Aufzeichnung von Sachtexten (Gesetze, Historiographien, offizielle Tagebücher) damals weitgehend der chinesischen Sprache und Schrift (kanji-Sinnschrift). Erst im Mittelalter (ab 12. Jh.) wurden beide Ausdrucksstile, wie sie auch für das moderne Japanisch charakteristisch sind, miteinander verschmolzen.

Was nun die wissenschaftliche Beschäftigung mit japanischer Literatur in der westlichen Japanologie anbelangt, so ist zu allererst eine kritische Auseinandersetzung mit der in Japan dafür verantwortlichen Wissenschaftsdisziplin Kokubungaku (Nationalliteratur) unabdingbar. Diese zeichnet sich u. a. durch eine sehr enge Spezialisierung und äußerst unscharf definierte Genre-Bezeichnungen aus, wodurch der Blick für die Aufdeckung größerer Entwicklungslinien und Zusammenhänge weitgehend verstellt ist (so wird z. B. Sachliteratur, die nicht in die vorgefertigten Schemata passt, weder von der Literatur- noch von der Geschichtswissenschaft in ausreichendem Maße berücksichtigt). Für eine moderne Japanforschung muss es daher ein zentrales Anliegen sein, nicht nur den gängigen Kanon klassischer japanischer Literatur kritisch zu hinterfragen und die ideologischen Beweggründe für seine Kompilation aufzuzeigen, sondern gerade durch eine bewusste Loslösung von diesem ganz neue Perspektiven zu gewinnen und eigene Wege in der Forschung zu gehen.

Innerhalb des weiten Feldes der Literaturwissenschaft sollen hier kurz drei für die Beschäftigung mit japanischer Literatur zentrale Ansätze skizziert werden:

Insbesondere in der Frühmoderne (17.–19. Jh.), der Blütephase des japanischen Buch- und Verlagswesens mit unvorstellbaren Titel- und Auflagenzahlen, sind ex- und implizite Bezüge auf Vorgängerwerke textkonstituierend und als Sub- oder Paralleltext für das Verständnis des Werkes unverzichtbar. Bedingt durch die hohe mediale Vernetzung in dieser Epoche sind insbesondere auch die Theoriekonzepte der Inter- und Transmedialität für die Erfassung der verschiedenen Schichten eines Werkes relevant. Neben den klassischen literaturwissenschaftlichen Analysemethoden sind hier außerdem Fragen des Bildungsniveaus, der Druckgeschichte und der Organisation des Buchmarktes einzubeziehen.

Hier bietet sich etwa die Epoche der Neuorientierung der japanischen Literatur durch den Import und die Aufarbeitung westlicher literarischer Strömungen und Theorien innerhalb weniger Jahrzehnte Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts an. Wichtige Fragestellungen sind beispielsweise: Wurden Konzepte einfach nur übernommen oder haben sie in Japan eine eigene Ausprägung erfahren? (etwa der Naturalismus mit Herausbildung des Genres shishôsetsu im Vergleich zum französischen Vorbild). Wie stellt sich das Verhältnis zur einheimi­schen Erzähltradition, die damals – pauschal als minderwertig und oberflächlich etikettiert – von den meisten Autoren massiv negiert wurde, in den Werken tatsächlich dar?

Hier scheinen – nicht nur außerhalb Japans – Tendenzen der Exotisierung und Mystifizierung sowie die vermeintliche Japanizität hinter den Werken maßgebliche Einflussgrößen bei der Rezeption zu sein. Fremdheit und Unverständlichkeit werden dabei oftmals als Kategorien literarischer Qualität verstanden (vgl. etwa den weltweiten Siegeszug des haiku). Es gilt die verschiedenen Einflussgrößen – Werk, Autor, Vermarktung, Wissenschaftler und Kritiker, Leser und Fan – im Auge zu behalten und zu gewichten: etwa die Selbstinszenierung der Autoren (z. B. die Autorin Uno Chiyo), die (traditionelle) oftmals willkürliche Konstruktion autobiographischer Bezüge auf japanischer Seite oder Missverständnisse, die aus der Unkenntnis kulturell bedingter Charakteristika resultieren (z. B. der Bestsellerautor Murakami Haruki aus Sicht des „Literarischen Quartetts“ und die Folgen).

 

Literaturliste:

  • Schönbein, Martina: Illustrierte Texte des kabuki-Theaters, in: 11. Deutschsprachiger Japanologentag in Trier 1999, Hilaria Gössmann und Andreas Mrugalla (Hrsg.), (Ostasien-Pazifik 14). Münster, Hamburg und London: LIT-Verlag 2001. Bd. 2, S. 163–175.
  • Köhn, Stephan und Schönbein, Martina: Schausteller und Zur-Schau-Gestellte. Zur Renaissance der misemono-Tradition in Terayama Shūjis (1935–1983) dramatischem Werk, in: NOAG, 171/172 (2002), S. 39–73.
  • Schönbein, Martina: Möglichkeiten und Probleme von Texteditionen in der Japanologie. In: Erlangener Editionen (Erlanger Studien zur Geschichte 8). H. Neuhaus (Hrsg.). Erlangen, Jena: Palm & Enke 2009, S. 517–524.
  • Dies.: Zur Wertigkeit des Zitats in der japanischen Literatur. In: BJOAF, Nr. 22 (1998), S. 23–39.
  • Dies. (Hrsg.): Edo bunko – Die Edo-Bibliothek. Ausführlich annotierte Bibliographie der Blockdruckbücher im Besitz der Japanologie der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main als kleine Bücherkunde und Einführung in die Verlagskultur der Edo-Zeit (Bunken, Bd. 8). Wiesbaden: Harrassowitz 2003 (hrsg. mit E. May u. J. Schmitt-Weigand).